Steirer gründen erste Sozialgenossenschaft

Als Mitglied des Raiffeisenverbandes Steiermark wurde mit Tatkraft Personal Services vor Kurzem die erste Sozial-Genossenschaft Österreichs gegründet worden. Sie vermittelt Jobs für ältere Menschen.

"Die Herta ist eine sympathische, g’standene und bodenständige Frau. Mit 58 ist die exzellente Köchin aber entlassen worden. Alle haben zu ihr gesagt: Sei g’scheit und geh’ in die Pensi…“, erzählt Alfred Strassegger, Vorstandsvorsitzender der neu gegründeten Sozialgenossenschaft Tatkraft Personal Services eGen mit Sitz in Graz. „Aber die Herta wollte das nicht und ging auf Arbeitssuche. Die ersten Erfahrungen waren desaströs“, erinnert sich Strassegger. Schließlich habe Herta dann doch Arbeit gefunden und koche nun für 120 Leute in einem Betrieb im obersteirischen Leoben. „58 Jahre ist kein Kriterium“, betont er.

"Es geht um die Idee"

Der erste Gedanke war, eine GmbH zu gründen; doch dann trat bei Strassegger immer stärker die Idee einer Sozialgenossenschaft hervor. AMS-Landesgeschäftsführer Karl-Heinz Snobe war die treibende Kraft für die Sozialgenossenschaft. In Österreich bis dato unbekannt, in Italien dagegen soll es laut dem Neogründer bereits mehr als 9.000 geben. Bevor es so weit war, galt es ein paar Unsicherheiten zu überwinden, wie etwa: Kann ich bei einer Genossenschaft den Einfluss aufs eigene Unternehmen verlieren? Die Antwort darauf: „Man muss sich einlassen können, bei so einer Gründung geht es um die Idee, nicht um Machterhalt. Wer das nicht kann, wird es nicht schaffen.“

Beim Raiffeisenverband "gut aufgehoben"

Die Suche nach einer Gründungsberatung und einem Revisionsverband brachte Strassegger zum Raiffeisenverband Steiermark. Nach einer halbjährigen und intensiv geführten Gründungsphase – „ich habe mich wirklich gut unterstützt und gut aufgehoben gefühlt“ – kam es Ende Februar zur Gründung. Neben eigenem Gründungskapital gab es ein Social Investment, das mit Zinsen zurückbezahlt wird, durch Kurt Oktabetz, den slowenischen Honorarkonsul in Graz und ehemaligen Vorstand der Leykam Medien AG.

Das Alter als Hypothek

„Wenn man älter ist, taugen die herkömmlichen Instrumente der Bewerbung nicht mehr“, sagt Strassegger. „Es braucht ein anderes Herangehen, der Name auf der Bewerbung braucht ein Gesicht, eine Geschichte mit den beruflichen Erfahrungen dahinter, samt besonderen Fähigkeiten. Diesen Menschen würde man viel Frustration ersparen, würde es das Diskriminierungsverbot nicht geben. Wenn jemand nur Leute bis 35 haben will, wird es so geschehen, nur hinschreiben darf man es nicht.“

Gegen das Alter ist man machtlos

Ist jemand arbeitslos geworden, gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, um vorhandene Defizite auszugleichen. Es gibt Schulungen und Trainings, um erforderliche Fähigkeiten zu erlangen, selbst Süchte können erfolgreich behandelt werden. „Allein gegen das Alter können wir aber nichts ausrichten“, lautet Strasseggers sarkastische Replik. Doch das Alter der Bewerber ist oft ein ganz zentrales Argument von Unternehmen, wenn es um die Aufnahme von neuen Mitarbeitern geht. Da geht es um die „Formbarkeit“, um die Vorstellung, dass Jüngere leichter in eine vorhandene Teamstruktur, Unternehmenskultur eingegliedert werden können als doppelt so alte Bewerber.

"Ältere kennen die Abkürzung"

Trotz zahlloser Diskussionen und Förderprogramme ist ein Umdenken in den Personalabteilungen noch kaum feststellbar. Alfred Strassegger hält dem entgegen: „Ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben alle schon viele prägende Erlebnisse hinter sich, die haut so schnell nichts aus der Bahn. Ursula von der Leyen hat in ihrer Funktion als deutsche Ministerin für Arbeit und Soziales einmal gesagt: ‚Junge laufen schneller, Ältere aber kennen die Abkürzung.’ Das sagt sehr viel über eine Gesinnung aus.“ Und was die Formbarkeit betrifft: „Viele Betriebe legen auf Erfahrungsschatz wenig Wert, da geht es nur um das widerspruchslose Abarbeiten von Aufträgen. Ältere Menschen fragen besonders oft nach dem Grund und dem Sinn einer Arbeit.“

Finanzierung über Vermittlungsprämien

Der laufende Betrieb der neuen Genossenschaft soll sich über Vermittlungsprämien, aber ohne Förderungen finanzieren. Unterstützungen des AMS für die Wiedereingliederung von älteren Menschen gehen direkt an die Unternehmen.

Für Karl-Heinz Snobe, Landesgeschäftsführer des AMS Steiermark, ist die Hilfe beim neuen Berufseinstieg für ältere Menschen – oft auch schon vor dem Alter von 50 Jahren – „die größte Herausforderung des AMS. Dabei bringt diese Gruppe Qualifikationen und Erfahrungen mit, die am Markt gefragt sind.“ Mit der neu gegründeten Sozialgenossenschaft „könnte es nachhaltig gelingen, dass ältere arbeitslose Menschen mit Potenzialen ihr eigenes Arbeitsfeld kreieren, damit ihren Lebensunterhalt bestreiten und – obwohl sie agieren wie Unternehmen – die Vorzüge eines Angestelltenverhältnisses nutzen.“

In der neu gegründeten Genossenschaft Tatkraft Personal Services ist Anfang Juni 2016 der erste Arbeitsplatz geschaffen worden – selbstverständlich für jemand in der zweiten Lebenshälfte.