„Genossenschaften sind innovative Pionierunternehmen“

Das Internationale Institut für Genossenschaftsforschung im Alpenraum (IGA) stellte bei seiner jüngsten Genossenschaftstagung im November in Innsbruck die Grundsatzfrage, ob wir heutzutage noch Genossenschaften brauchen würden.

Die UNO hat das Jahr 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen, und zwei Jahre später würdigte die UNESCO die Genossenschaftsidee als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit. „Sind diese Auszeichnungen als ehrender Abgang zu verstehen oder als Anerkennung einer Idee, die heute einen wesentlichen Stellenwert im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben hat?“, fragte der Vorsitzende der IGA und langjährige Direktor des Raiffeisenverbandes Tirol, Arnulf Perkounigg, etwas provokativ zu Beginn der Veranstaltung in die Runde der etwa 100 Teilnehmer an der diesjährigen Tagung des Internationalen Instituts für Genossenschaftsforschung im Alpenraum (IGA).

Hochkarätige Referenten näherten sich unter der Moderation von Justus Reichl, dem Leiter der Abteilung „Genossenschaft – Strategien und Perspektiven im Österreichischen Raiffeisenverband (ÖRV), dem Thema der IGA-Tagung „Brauchen wir noch Genossenschaften?“ aus verschiedenen Blickwinkeln an und kamen – wenig überraschend – zur selben positiven Antwort: Genossenschaften sind moderner denn je und entsprechen dem Zeitgeist – haben doch auch die zahlreichen aktuellen Crowdfunding-Projekte allesamt eine „genossenschaftliche Ausrichtung“ in sich, fasste Perkounigg zusammen.

"Genossenschaften sind Pionierunternehmen"

Dietmar Rößl, Vorstand des Instituts für KMU-Forschung an der Wirtschaftsuniversität Wien, ging in seinem Vortrag auf Genossenschaften als Motor für unternehmerische und soziale Innovation ein. „Genossenschaften können in Österreich auf eine lange Tradition zurückblicken und sind ein wesentlicher Bestandteil der österreichischen Wirtschaft. Aufgrund ihrer besonderen Charakteristika können sie Sozialkapital mobilisieren und damit jene genossenschaftsexklusiven Ressourcen erschließen, die wiederum die Wettbewerbsfähigkeit von Genossenschaften und ihre Eigenschaft als Pionierunternehmen ausmachen“, so der Experte.

Die besondere Leistungsfähigkeit von Genossenschaften liege darin begründete, dass nicht das Unternehmen eine Genossenschaft sei, sondern die Genossenschaft ein Unternehmen besitze. Dies schaffe hochgradige Identifikation und Loyalität, was wiederum die Mobilisierung von Sozialkapital ermögliche, erläuterte Rößl. Zudem mache die Sachzielorientierung mit den Mitgliedern als Innovationstreiber – anders als bei investororientierten Organisationen – Genossenschaften zu einem anpassungsfähigen Instrument für neue Geschäftsmodelle. „Genossenschaften können Zielsetzungen jenseits von Rentabilitätskalkülen definieren. Daher können sie gleichermaßen Motor für soziale und für unternehmerische Innovationen sein“, sagte der Wissenschafter.

Nicht zuletzt durch diese Innovationskraft seien Genossenschaften erfolgreiche Pionierunternehmen, weil diese durch die Nutzung von Sozialkapital und den Verzicht auf eine Eigenkapitalverzinsung Märkte entwickeln, wo derzeit (noch) keine Rendite erwirtschaftet werden könne. Auch durch den Förderauftrag von Genossenschaften und die Notwendigkeit, diesen permanent neu zu interpretieren, werde Innovation ermöglicht. „Genossenschaften sind aber kein Selbstläufer und sollten auch nicht als Selbstzweck gesehen werden“, warnte Rößl und betonte: „Man kann nicht jedes Unternehmen zu einer Genossenschaft machen. Aber dort, wo es passt, sollten Genossenschaften eine Alternative sein.“

Antwort auf aktuelle Herausforderungen

Michael Stappel, Leiter der Abteilung „Researach und Volkswirtschaft, Makroökonomik/Branchenresearch“ bei der DZ Bank in Frankfurt, sieht in neuen Genossenschaftsmodellen die Antwort auf aktuelle Herausforderungen. Während es bis zum Jahr 2008 einen Rückgang an Genossenschaften in Deutschland gegeben habe, sei es durch die Modernisierung des Genossenschaftsgesetzes 2006 in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Neugründungsboom gekommen. Seit 2001 sind in Deutschland mehr als 3.000 neue Genossenschaften entstanden. Mit 22,6 Millionen Mitgliedern ist jeder vierte Deutsche ein Genossenschaftsmitglied.

Bezeichnend sei jedoch, dass es unter den Neugründungen keine Kreditgenossenschaften gab, sondern vor allem Energie-, Sozial- und Dienstleistungsgenossenschaften wie beispielsweise von Ärzten oder Handwerkern bzw. genossenschaftliche Nahwärmenetze, Dorfläden, Bäder oder Schulen. Erfolgreich seien diese neuen Genossenschaften vor allem dann, wenn es Nachahmungseffekte gebe, die durch organisierte Prozesse gewährleistet werden könnten, erläuterte Stappel, der davon überzeugt ist, dass Genossenschaftsgründungen mit Multiplikatoren zu tun haben: „Wir müssen die Idee der Genossenschaft vermarkten. Wir selbst, also die Verbände, sind dabei die Multiplikatoren.“

Mitgliedschaft bei Genossenschaftsbanken betonen

Nachdem Nadja Germann vom „Competence Center Infrastrukturen – Energie, Abfall und Recycling“ an der Universität Luzern Genossenschaften als zukunftsweisende Gesellschaftsform in der Energieversorgung vorstellte, lieferte Anton Kosta, Geschäftsführer der Raiffeisenkasse Bruneck in Südtirol, Antworten auf die Frage, ob genossenschaftliche Lokalbanken noch Zukunft haben. Kosta sieht als „Wurzeln der Zukunft von Genossenschaften“ zum einen eine Bewusstseinsschaffung beim Kunden als Mitglied und zum anderen bei der Digitalisierung, die sich in der Geschwindigkeit der Umsetzung an der Geschwindigkeit der Kunden orientieren sollte.

Zudem müsse die Kasse – als Gegenpol zu einer globalen Bank – Produkte und Dienstleistungen anbieten, die der Kunde brauche und die dessen Lebensmomente widerspiegeln, und durch ganzheitliche Beratung der Notwendigkeit nach zusätzlicher Absicherung und Vorsorge Rechnung tragen. „Genossenschaftliche Lokalbanken wird es auch in Zukunft geben, wenn es gelingt, die Mitgliedschaft in den Vordergrund zu stellen, den Bedarf der Menschen und Unternehmen zu erfüllen, statt Mehrwert für Aktionäre zu generieren, und Solidarität zu leben“, betonte Kosta.