Stark im Kommen: Familien-Winzergenossenschaften

Im Jahr 2018 jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dem Pionier im europäischen Genossenschaftswesen. Rund 1.500 Genossenschaften sind aktuell in Österreich zu finden, darunter auch die „neue“ Form der „Familien-Winzergenossenschaft“.

Genossenschaften gelten als nachhaltige Rechts- und Wirtschaftsform. 200 Jahre nach Raiffeisens Geburt gibt es einen idealen Anlass zum Nachdenken: einerseits, um zu erkennen, wie viele Unternehmen in Österreich existieren, die bereits seit vielen Jahren und über viele Generationen quer durch alle Branchen unter der Rechtsform der Genossenschaft betrieben werden. Andererseits als idealer Grund, um nach vorne zu blicken und zu überlegen, ob nicht auch zukünftige Projekte in Form einer Genossenschaft betrieben werden könnten.

60.000 Arbeitsplätze bei Genossenschaften

In Österreich gibt es aktuell rund 1.500 Genossenschaften in den verschiedensten Sparten (Kredit-, Waren-, Verwertungs- und sonstige Genossenschaften) mit rund zwei Millionen Mitgliedern, vier Millionen Kunden, 16.000 Funktionären und 60.000 Arbeitsplätzen.

Tatsächlich sind Genossenschaften, und hier vor allem im ländlichen Raum, aus dem Geschäftsleben gar nicht wegzudenken und sind ein wesentlicher Bestandteil der österreichischen Wirtschaft. Insbesondere seit der weltweiten Finanz- und Wirt- schaftskrise erlebt das genossenschaftliche Geschäftsmodell eine Renaissance, weil diese Rechtsform als Inbegriff nachhaltigen Wirtschaftens gilt. Gerade in Zeiten, wo Begriffe wie Crowdfunding in aller Munde sind, wird man bei näherer Betrachtung feststellen, dass die Rechtsform der Genossenschaften eine durchaus moderne ist und tatsächlich aufgrund der flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten für viele Vorhaben geeignet ist. Die Genossenschaft ist die ideale Rechtsform für Kooperationen von Unternehmen oder Privatpersonen, um ein Ziel gemeinsam zu erreichen. Ganz nach dem wohl bekanntesten Grundsatz von Friedrich Wilhelm Raiffeisen: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“

Winzergenossenschaften im Wandel

Im Burgenland gibt es neben etlichen anderen Genossenschaften schon seit vielen Jahrzehnten in allen größeren Weinbaugemeinden Winzergenossenschaften, als Zusammenschluss einer Vielzahl von – eher kleineren – Weinbaubetrieben bzw. Nebenerwerbswinzern. Zweck dieser Genossenschaften ist die gemeinsame Verwertung des eigenen Traubenmaterials, von der Presse über die Vinifizierung, Lagerung, Abfüllung bis hin zur Vermarktung des daraus erzeugten Weines. Die Zahl der „klassischen Verwertungs-Genossenschaften“ war aber in den vergangenen Jahren rückläufig, wobei einerseits als Ursache der Strukturwandel in der Landwirtschaft, Flächenstilllegungen sowie Betriebsaufgaben anzuführen sind, andererseits aber auch die höheren Ansprüche an die erzeugte Qualität dazu beigetragen haben, dass etliche dieser „Überschussverwerter“ und „Gebinde-Weinverkäufer“ den Betrieb einstellten.

Aufkommen von Familien-Winzergenossenschaften

Dass Weinbaubetriebe sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen haben, war also durchaus nichts Ungewöhnliches. Diese gewohnten Pfade wurden allerdings bereits vor einigen Jahren verlassen, als durch einige renommierte Weinbaubetriebe Winzergenossenschaften gegründet wurden, deren Mitglieder sich aus dem Kreis von Familienmitgliedern und einigen wenigen außenstehenden Weinbauern rekrutierten. Neu war also die Zusammensetzung dieser neuen kleinen Winzergenossenschaften („Familiengenossenschaften“), aber auch deren Zielsetzung. Genossenschaftsmitglieder von Familien-Winzergenossenschaften sind:

  • Familienmitglieder von renommierten Weinbaubetrieben
  • zusätzlich einige wenige Vertragswinzer, z. B. all jene, die ihr Traubenmaterial schon bisher an diese Betriebe zur Verwertung geliefert haben. Die einzelnen Weinbaubetriebe bleiben selbstständig hinsichtlich Bewirtschaftung, auch an den Eigentumsverhältnissen bei den Weingartenflächen ändert sich nichts. Die Genossenschaft übernimmt jedoch die gemeinsame Kellerwirtschaft unter Nutzung der bereits vorhandenen Anlagen (welche entweder durch die Genossenschaft vom Winzer angekauft werden oder weiterhin in dessen Eigentum verbleiben und an die Genossenschaft vermietet werden). Nun ist in der gemeinsamen Erzeugung und Vermarktung des Weines aus dem Traubenmaterial der Mitglieder ja nicht unbedingt etwas Neues zu erkennen. Neu hingegen ist: Die Vermarktung des Weines erfolgt durch die Genossenschaft unter der bereits eingeführten Marke des Winzers.

Fokus auf Vertriebsstärke

Der Nutzen der Genossenschaft besteht daher vor allem in der Nutzung der vorhandenen Vertriebsstärke durch den Erhalt der bereits eingeführten Marke (Familienname) sowie im Erhalt bzw. weiteren Ausbau der bereits erreichten Marktposition. Dies ist vor allem dann ein wichtiger Faktor, wenn ein Betrieb auf die Erben übertragen (d. h. aufgeteilt) werden soll.

Für die Mitglieder ergeben sich folgende Vorteile:

  • bestmögliche Nutzung der bereits vorhandenen Anlagen,
  • bessere Eigenkapitalausstattung erleichtert Investitionstätigkeit in neue Technologie,
  • Erhaltung von Weinbauflächen, auch wenn keine geeignete Betriebsnachfolge innerhalb der Familie gegeben ist,
  • keine Veränderungen in den bestehenden Besitzstrukturen (Grundbesitz bleibt den Familienmitgliedern erhalten),
  • jeder Betrieb behält seine Selbstständigkeit.

Ganz nebenbei sei noch erwähnt, dass die Rechtsform der Genossenschaft auch noch einige steuerliche Vorteile mit sich bringt. So besteht die Möglichkeit der Auszahlung von Gehältern oder Vergütungen an mitwirkende Familienmitglieder für ihre Tätigkeit in der Genossenschaft. Aufgrund der Fortführung der Marke durch die Genossenschaft lässt sich bei Pensionsantritt eine steuerschonende Übergabe des Weinbaubetriebes an die Kinder darstellen. Und dass Winzergenossenschaften bei Einhaltung bestimmter im Körperschaftsteuergesetz geregelter Bedingungen auch noch von der Körperschaftsteuer befreit sein können, soll auch erwähnt werden.

Damit ist die Genossenschaft eine geeignete Rechtsform, um die gesicherte Nachfolge bzw. Aufteilung von Weinbaubetrieben auf die Erben sicherzustellen bei gleichzeitigem Erhalt der gut eingeführten Marke und Nutzung steuerlicher Vorteile. Fairer- weise muss auch klargestellt werden: Die Gründung einer Genossenschaft darf keine Alibi-Aktion sein und erfordert Disziplin, um die Rahmenbedingungen einzuhalten. Deswegen ist eine Beratung im Vorfeld dringend zu empfehlen.