Gasthäuser sind gerade in kleinen Orten das Zentrum der Geselligkeit: Hier trifft man sich am Stammtisch, zum Mittagessen am Sonntag, zu Familienfeiern oder Vereinssitzungen. Doch das Wirtshaussterben grassiert – immer mehr Wirte werfen das Handtuch oder finden keinen Nachfolger. So geschehen auch in der 1.640-Seelen-Gemeinde Hochneukirchen-Gschaidt in der Buckligen Welt: Nach 2020 – noch vor der Pandemie – schloss der Kirchenwirt, beliebte Anlaufstelle für Einheimische und Wanderer, seine Pforten.
Das Gebäude, das seit Jahrzehnten der Gemeinde gehört, anderweitig zu nutzen oder zu schleifen und durch einen Neubau zu ersetzen, sei keine Option gewesen, erzählt Thomas Heissenberger, seit 16 Jahren Bürgermeister der Gemeinde Hochneukirchen-Gschaidt. „Uns war klar, dass wir das Gasthaus als solches weiter betreiben wollen – und zwar nachhaltig“, erzählt Thomas. Klar war allerdings auch, dass die Suche nach einem seriösen Pächter angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen nicht einfacher würde. „Daher haben wir nach anderen Möglichkeiten gesucht, um den Fortbestand zu sichern“, erinnert sich der Bürgermeister. Irgendwann sei dabei die Idee, dafür eine Genossenschaft zu gründen, im Raum gestanden. „Wir haben eine Raiffeisenbank im Ort, die nach diesem Modell erfolgreich funktioniert – das war unser Vorbild“, sagt Thomas.
Rasch war ein zehnköpfiges Projektteam aus Vertretern der Gemeinde, von Banken und Tourismusorganisationen, einem ehemaligen Pächter des Kirchenwirts und anderen Wirtschaftstreibenden zusammengestellt, um die Idee weiterzuentwickeln. Rund eineinhalb Jahre sei an einem Konzept gefeilt worden, das wirtschaftlich tragfähig sowie nachhaltig sein und der Bevölkerung einen Mehrwert bieten sollte.
Im April 2023 war es soweit: Das Konzept wurde der Öffentlichkeit vorgestellt – bereits im Mai wurde die Genossenschaft gegründet. „Ich war überrascht, dass wir gleich so viele Mitglieder gewinnen konnten. Manche haben anfangs nur den Mitgliedern des Projektteams zuliebe Anteile gezeichnet“, sagt Thomas, nun auch Obmann der Genossenschaft. Eine gewisse Skepsis war nämlich durchaus vorhanden: „Lange Zeit hat keiner geglaubt, dass es wirklich funktioniert“, weiß er.
Mittlerweile zählt die Genossenschaft etwa 600 Mitglieder, bisher wurden rund 1.500 Anteile zu 150 Euro gezeichnet. „Die örtliche Raiffeisenbank hat beispielsweise 100 Anteile erworben“, freut sich Thomas. Raiffeisen hat die Idee aber auch noch anderweitig unterstützt: „Wir werden seit Beginn der operativen Umsetzung sehr gut vom Revisionsverband begleitet“, so Thomas.
Mit den Genossenschaftsbeiträgen wurde das Gemeindegasthaus renoviert und ein Team, konkret sechs Vollzeitäquivalente, angestellt. Anfang Dezember 2023 wurde das Gasthaus schließlich eröffnet – und seither gut angenommen. „Die Gäste vertrauen uns“, freut sich Thomas. Über Mittag ist an sieben Tagen die Woche geöffnet, Abendbetrieb gibt es von Mittwoch bis Samstag. Am Sonntag heißt es ab 18 Uhr „Sperrstund is“.
Regionalität wird im „s‘Hutwisch“ großgeschrieben: Das gilt nicht nur in der Küche, in der, sofern möglich, hochwertige Lebensmittel aus der Umgebung verarbeitet werden. Auch bei den Renovierungsarbeiten kamen vorrangig Betriebe aus der Region zum Zug. Die Verbundenheit zur Region ist jetzt darüber hinaus aus dem Namen des Wirtshauses ersichtlich: Aus dem „Kirchenwirt“ wurde „s‘Hutwisch – Wirtshaus am Dach der Welt“. Namensgeber ist der höchste Berg der Buckligen Welt, der Wanderweg zu diesem führt übrigens direkt am Wirtshaus vorbei.
Thomas war und ist nach wie vor davon überzeugt, dass die drei Grundprinzipien einer Genossenschaft, nämlich Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung, einen gastronomischen Betrieb langfristig sicherstellen können. „Die Rechtsform Genossenschaft ist zwar per se kein Garant dafür, dass ein Gastronomiebetrieb funktioniert – das ist vielmehr das Team vor Ort. Aber eine Genossenschaft kann die Rahmenbedingungen dafür schaffen.“ Die Anstrengung trägt Früchte: Anfang Dezember 2024 wurde die Hutwisch Regionalentwicklung eGen mit dem „Gründerland Niederösterreich Preis“ des Landes für den Bezirk Wiener Neustadt ausgezeichnet.

